Freie Presse, 21.02.2008
Ein sächsischer Kabarett-Abend mit Künstlern aus
Chemnitz, nicht weit entfernt von Berlins politischer Mitte – ob das gut geht?
Beobachtungen in der Landesvertretung des Freistaates geben darüber Aufschluss.
Staatsminister im Vorprogramm
Jeder Witz ein Treffer: Chemnitzer Innenstadt als idealer Zuchtort der Hufeisennase
Von Hartmut Petersohn
Berlin. Gerd Ulbrichts Oma aus Chemnitz hatte ihrem Enkel den Vogel gezeigt:
Ich kaufe dir doch keine Hose für 72 Mark. Darüber ist Ulbricht bis heute
nicht hinweggekommen. "72 Mark Ost", rief er gestern empört von der kleinen
Bühne nahe der politischen Mitte des neuen Berlin, "das sind 2,60 Euro."
Lachsalven im Saal der Vertretung des Freistaats Sachsen in der Brüderstraße.
Zum Erstaunen der Künstler immer an den richtigen Stellen.
Die Chemnitzer Kabarettisten Gerd Ulbricht und Andreas Zweigler hatten sich
vor dem Auftritt die kleine Bühne im Pavillon der Vertretung angesehen.
Und die Gästeliste. "Oh", sagte Zweigler im Gespräch nach der Vorstellung,
"da haben wir einen Schrecken bekommen: Bundestagsabgeordnete,
Regierungspräsidenten, Botschafter - nicht gerade unser Publikum von
Dienstag bis Sonntag in Chemnitz."
Die Kabarettisten wählten für diesen Abend in der Bundeshauptstadt
ihr "politischstes Programm". Das hatte sich der Chef der Dresdner Staatskanzlei,
Michael Sagurna, beinahe schon so gedacht. Er habe zwar die für einen
Politiker eher ungewöhnliche Aufgabe gern übernommen, gewissermaßen
"als Vorprogramm einer solchen Truppe", den Kabarett-Abend in der
Sachsen-Vertretung zu eröffnen. Aber er frage sich, ob die beiden
Kleinkünstler am Ende mit ihren Anspielungen und frechen Witzen das
"Land schlecht machen und meinen Chef durch den Kakao ziehen".
Er schmeichelte: Die Chemnitzer seien unter den 13 Kabaretts in
Sachsen die Besten.
Ulbricht und Zweigler schienen die Ansage nicht gehört zu haben.
Denn gleich in der ersten Nummer zogen sie über das Kabarett Milbradt,
pardon, das Kabinett von Ministerpräsident Georg Milbradt, satirisch her.
Wie der die Landesbank "verscherbelt" habe, da "könnte ich glattweg zur
Kalaschnikow greifen - ob mit oder ohne Migrationshintergrund",
polterte Ulbricht.
Aber nicht nur die Anspielungen auf bundespolitische Themen quittierte
das Publikum mit Lachsalven und Beifall. Auch spezielle
Sachsen-Themen wurden verstanden, selbst ein Ausflug in den
DDR-Russisch-Unterricht mit Heiterkeit quittiert. "Wir hatten
schon vorher erfahren, es gibt hier in Berlin eine Gruppe
Vogtländer, die zu jeder Veranstaltung aus Sachsen kommen",
erläuterte Zweigler verschmitzt.
Auch Chemnitzer müssen sich unter die rund 200 Gäste gemischt haben.
Als Ulbricht seine Geschäftsidee zur Zucht der Kleinen Hufeisenfledermaus
erläuterte, erntete er wieder Heiterkeit. Die Chemnitzer Innenstadt,
so der Kabarettist, sei dazu bestens geeignet, denn dort hätte von
der Zucht garantiert keiner etwas mitbekommen. Die Anspielung auf das
alles andere als nervenzerfetzende Chemnitzer Nachleben wurde verstanden.
Was die Kabarettisten offenbar nicht wussten: Als Berlin Hauptstadt der DDR
war, gehörte die Brüderstraße, gleich hinter dem damaligen Staatsratsgebäude,
nicht nur zum politischen und geografischen Zentrum Berlins. Am Eingang der
Straße befand sich ein Jugendmode-Kaufhaus. Gab es dort die Levis für 72
Ost-Mark, war das für Stunden der attraktivste Ort der DDR.