Freie Presse, 03.11.2007
Das Handschuhfach im Kopf
Kabarettist Gerd Ulbricht philosophiert zum 15-jährigen
Bühnenjubiläum per Soloprogramm über die „Restzeit“
Chemnitz. Sein 15. Kabarettjahr feiert er allein.
Zumindest auf der Bühne. Gerd Ulbricht zeigte am Donnerstagabend zum ersten
Mal sein Ein-Mann-Programm „Restlaufzeit“. Und räumte zu Beginn gleich mit
einem Gerücht auf: „Nein, ich habe mich nicht von Andreas Zweigler getrennt!
Und überhaupt, es ist langsam an der Zeit, dass wir nicht ständig verwechselt
werden.“ So oft wird ihm das in den vergangenen Jahren nicht passiert sein.
Aber für einen Lacher ist so eine Ansage immer gut.
Lacher gab es in der Premiere jede Menge. Auch, als sich Gerd Ulbricht bei
all den Rentnern entschuldigte, die er jahrelang in seinen Kabarettprogrammen
piesackte: „Ich konnte ja schon nicht mehr über den Rosenhof laufen, ohne mit
Gehhilfen beworfen zu werden. Aber inzwischen wird die Rentenfrage auch für
mich ein Thema.“ „Restlaufzeit“ eben, die in Ulbrichts Augen so aussieht:
In Zukunft werden die Leute älter als 100 Jahre. 30 Jahre lernen sie, 10
Jahre absolvieren sie ein Praktikum, dann kommen 25 Jahre Arbeitslosigkeit
und 40 Jahre Rente. „Das kann doch nicht funktionieren!“, schreit er. Und
irgendwie bleibt den Premierengästen das Lachen im Hals stecken. Er reißt das
Ruder wieder herum – 15 Jahre Kabarett-Erfahrung: „Neulich im Radio, da sagte
der Moderator doch tatsächlich, die Menschen hätten ihr Hirn in den Computer
ausgelagert. Was haben wir dann im Kopf? Ein Handschuhfach?“ Das Publikum
atmet durch und bekommt eine musikalische Abwechslung geboten, die es so
im Chemnitzer Kabarett noch nie gab: Acht Musiker der Band „Jazz In No Waiters“
lassen es swingen. Vornweg Saxofonist Christoph Modersohn: „Die Idee zur
Zusammenarbeit kam uns vor einigen Monaten in einer Kneipe. Nach dem
vierten Bier beschlossen Gerd und ich, gemeinsame Sache zu machen.“ Mit
erstaunlichem Ergebnis: Da treffen elegante Klänge auf den lauten Kabarettisten,
der gern auch mal ganz unversöhnlich ist. „Genau diese Mischung macht es aus“,
erklärt Modersohn. „Wir hatten im Vorfeld nur drei gemeinsame Proben. Wenn wir
noch mehr Zeit miteinander verbringen, können wir ein Kabarett-Musik-Programm
auf die Beine stellen, das es so in Deutschland noch nie gab.“
In einigen seiner „Restlaufzeit“-Vorstellungen kann sich Gerd Ulbricht jedoch
nicht auf den Takt der Musiker verlassen. Die Berufsjazzer haben volle Terminkalender.
„Gar nicht schlimm“, wehrt Gerd Ulbricht ab. „Ich habe mein Programm auch ohne
Musikeinlage drauf.“
Für die Premiere gab es am Donnerstag langen Applaus. Besonders von Andreas
Zweigler. Der ist überhaupt nicht eifersüchtig, dass sein Kompagnon einen
Alleingang wagt: „Ich habe die Vorstellung genossen, weil ich wusste, dass
sein Auftritt funktioniert.“ So richtig kam Gerd Ulbricht auch nach der
Premiere nicht aus seiner Rolle heraus. Beim gemütlichen Bierchen zog er noch
einmal über Comedystars und das Fernsehprogramm vom Leder: „Ich habe mein
Stück einen Abend vor der Uraufführung noch einmal umgeschrieben.
Den Ausschlag dafür gaben C-Promis, die doch tatsächlich vor der Kamera
lebendiges Mensch-ärgere-dich-nicht spielen…“
Infos
Am 13. November gibt es Gerd Ulbricht in „Restlaufzeit“ solo. Am 22.
November sind die „Jazz In No Waiters“ wieder dabei. www.das-chemnitzer-kabarett.de
Von Peggy Fritzsche