Freie Presse vom 20.02.2007

Mit Lenins Mutter auf einer Fahrt ins Blaue
Katrin Sass begeistert ihr Publikum mit einem deutsch-deutschen Schlagerabend in Chemnitz

Chemnitz. Dieser Sonntagabend im Chemnitzer Kabarettkeller war eine Überraschung. Ein „deutsch-deutscher Schlagerabend“ mit Katrin Sass war angekündigt mit dem Titel „Fahrt ins Blaue“, und dann beginnt die Frau ihr Programm mit dem den meisten noch allbekannten Kinderchorklassiker „Unsre Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer...“ Und genau darum solle es gehen, meinte sie, um unsere schöne deutsche Heimat. Mit Schlagern?

Mit Schlagern. Denn die Schauspielerin Katrin Sass liebt Schlager hat in diesen knapp zwei Stunden bewiesen, dass man mit ihnen Geschichte – deutsch-deutsche – und Geschichten erzählen kann, ganz persönliche. „Ich war ein Kinder der DDR“, bekennt sie – nicht nur mit der textlichen Neufassung von „Du hast den Farbfilm vergessen“, wenn es bei ihr heißt „... alles futsch und schwarz und grau, doch wir warn wunderbar“. Sie singt vom Stern in einer Sommernacht, von dem bisschen Frieden, vom Tag, als Conny Kramer starb, vom „DDR-Drogenkonsum“ mit „Auf der Wiese haben wir gelegen und wir haben Gras gekaut...“, von ihrer Reiselust im himmelblauen Trabant, von griechischem Wein, von Martin und der Jugendliebe. Ach ja: „Dahamals, dahamals, damals war alles so schön...“

Überraschung Nummer 2: Die Sass kann singen mit einer unglaublich wandelbaren Stimme. Mal glaubt man, Nicole, die Mathieu oder Bärbel Wachholz auf der Bühne zuzuhören, mal singt sie ihre eigene Version der Schlager – jazzig und rockig. Toll. Eine große Aktie daran haben aber auch ihre drei exzellenten Musiker: Hennig Schmiedt am Piano, H.D. Lorenz am Kontrabass und Matthias Lauschus am Schlagzeug, mit Gitarre und was sonst instrumental oder als Background so gebraucht wurde.

Das Beste des Abends aber waren die Erinnerungen und Kommentare, mit denen die Sass die leichten-seichten Schlager verband. Zum Teil war das politisches Kabarett vom Feinsten, zum Teil das persönliches Porträt einer Frau, die zu ihrer Vergangenheit steht („Für mich ist ein Hühnchen immer noch ein Broiler“). Dass sie sich Jahre vom Marxismus-Leninismus verfolgt gefühlt hat, in der Schule, während des Schauspielstudiums oder durch IM Kasimir, und dann ausgerechnet, als sie nach der Wende „Good bye, Lenin!“ sagen will, dafür mit Preisen geehrt wurde, wird ihr ein Rätsel bleiben. „Ich werde noch heute auf der Straße angesprochen: Sind Sie nicht Lenins Mutter? Damit kann ich leben, gut sogar“, bekennt sie augenzwinkernd.

Eine der Zugaben vor dem begeisterten Publikum war „Marmor,, Stein und Eisen bricht“. Und man glaubt Katrin Sass auch diese Zeile: „... alles, alles geht vorbei, doch wir sind uns treu.“

Von Ute Krebs